Die Kehrseite der Medaille – oder – Warum Selbstorganisation manches Mal nicht funktioniert

Wenn jemand seine gewohnten Denkgleise verlässt und die Arbeit die er täglich verrichtet neu überdenkt, lassen sich teilweise frappierende Effekte und Zeitgewinne erzielen. Ein Beispiel dafür konnten Sie hier lesen.

Leider funktioniert dies nicht immer. Auch ich muss manchmal einsehen, dass ich organisatorisch nicht weiterhelfen kann. So wie in dieser, leider wahren, Seminargeschichte:

Der Teilnehmer fiel schon in der Vorstellungsrunde auf. Er stöhnte unter der immensen Arbeitsbelastung, die ihm von seinem Arbeitgeber aufgebürdet wird. Eine 70-Stunden-Woche sei der Regelfall. In Spitzenzeiten wird dieser Wert weit überschritten. Ehepartner und Familie seien inzwischen die Leidtragenden, die das “Joch dieser übergrossen Arbeitsbelastung” mittragen müssen. Sein einziges Seminarziel sei, Zeit für sich und die Familie zu gewinnen.

Innerhalb unserer Seminargruppen “Selbstorganisation” untersuchen wir bei jedem Teilnehmer einen exemplarischen Geschäftsvorfall. Gemeinsam wird der jeweilige Prozess dargestellt, untersucht und optimiert. Bei dem genannten Teilnehmer geschah dies ebenfalls. Natürlich waren alle in der Gruppe auf das Ergebnis gespannt. Um es kurz zu machen: Durch die Änderung eines einzigen Geschäftvorfalls (der im Wochenablauf häufig und regelmäßig vorkommt) konnte eine Zeitersparnis von 30 Stunden wöchentlich (in Worten: Dreissig Stunden!) erreicht werden.

Seine Freude darüber war verhalten und sein Interesse an dieser Lösung war nicht sehr ausgeprägt. Im Schlussfeedback gab er an, darüber nachzudenken, ob er die erarbeitete Lösung umsetzen will. Ich, meine Frau und die anderen Teilnehmer wunderten uns sehr. Eine Teilnehmerin sprach ihn direkt an und drückte ihre Verwunderung aus: “Sie haben doch gestern gesagt, Sie wollen unbedingt Zeit gewinnen. Jetzt haben Sie eine Lösung und müssen sich überlegen, ob sie diese umsetzen wollen?!?” Sie erhielt keine Antwort.

Verlassen wir an dieser Stelle den Seminarraum und überlegen uns, worauf die geschilderte Reaktion zurückzuführen sein könnte. Wir wissen es natürlich nicht und können daher nur spekulieren. Aber angenommen, ein Kollege einer anderen Gesellschaft (womöglich sogar auf einem anderen Kontinent ;-) ) hätte die beschriebene Thematik. Dann würde nicht nur er wissen, wie sehr er durch seine Arbeit belastet wird. Sondern auch sein gesammtes Umfeld. Seine Frau, seine Kinder, seine Kollegen, sein Chef, seine Kumpels, seine Verwandten, seine Freunde … Alle würden wissen, dass diesem armen Menschen von seinem Arbeitgeber zuviel aufgebürdet wird und dass er mit seiner Arbeit nicht nachkommt. Und insgeheim hätten wahrscheinlich einige das Gefühl, dass dieser Mensch schon wichtig sein muss, wenn er soo viel zu tun hat.

Und jetzt kommt dieser Mensch von einem Seminar “Erfolgreiche Selbstorganisation” zurück und erzählt, dass er durch die Änderung nur eines Geschäftsprozesses jede Woche 30 Stunden Arbeitszeit einsparen kann. Und dies auch schon vor Jahren gekonnt hätte ……

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