Unter dieser Überschrift bringt Jörg Weisner in seinem letzten Newsletter einen hochinteressanten Artikel, der sich mit einem ganz anderen Aspekt von Selbstorganisation beschäftigt. Mit Jörgs Erlaubnis darf ich den Artikel hier so einstellen, wie er ihn geschrieben hat.
Danke Jörg.
Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Es ist Dienstagvormittag, kurz vor 12.00 Uhr. Mitten in einer ganz normalen Arbeitswoche. Sie haben ausgiebig mit Ihrer Familie gefrühstückt. Dann haben Sie noch eine ganze Stunde auf der Terrasse gesessen, die Morgensonne genossen, und bei einem Glas Orangensaft in Ihrer Lieblingszeitschrift geschmökert. “Das ist ja eigentlich wie Urlaub …” dieser Gedanke schoss Ihnen nicht nur einmal durch den Kopf.
Anschließend sind Sie dann mit Ihrer Partnerin in das Museum gegangen, welches Sie schon so lange besichtigen wollten. Die Bilder und Kunstwerke waren wirklich beeindruckend und haben Sie eine ganz andere Welt entführt. Und jetzt schlendern Sie gemütlich an der Uferpromenade entlang, zu dem Restaurant, wo Sie schon vor einer Woche einen Tisch reserviert haben. Sie freuen sich schon auf das leckere Essen. Was der Rest des Tages wohl noch bringen wird? An die Praxis haben Sie auf jeden Fall noch keinen einzigen Gedanken verschwendet. Das hat Zeit bis morgen, denn heute ist Ihr arbeitsfreier Tag!
Hört sich das zu schön an, um wahr zu sein? Viele Unternehmer und Praxisinhaber würden jetzt sagen, so etwas gibt es nur im Urlaub. Mitten in einer normalen Arbeitswoche? Undenkbar!
Und genau hier kommen die Empfehlungen von Dan Sullivan und Chris Barrow ins Spiel. Denn diesen beiden Berater und Coaches empfehlen ihren Klienten seit Jahren genau das, einen arbeitsfreien Tag pro Woche, zusätzlich zum normalen Wochenende von zwei Tagen.
Nicht alle ihrer Klienten haben den Rat befolgt. Aber diejenigen die es getan haben, berichten von erstaunlichen Veränderungen. Sie haben als Folge dieser Umstellung eine wesentlich höhere Zufriedenheit an ihrer Arbeit wiedererlangt. Sie sind viel kreativer geworden. Sie haben weniger Stress und wenn es Stress gibt, können sie mit ihm viel besser umgehen. Und sie erwirtschaften mehr Gewinn, bei weniger gearbeiteten Stunden.
Wie kann so etwas angehen? Das scheint doch jeder Logik zu widersprechen. Wie soll man mit weniger Arbeit mehr verdienen können???
Die erste Reaktion auf derartige Vorschläge zeigt, wie stark wir Arbeiten als den “normalen Zustand” ansehen. Viele Unternehmer sind so gewohnt, sich für ihr Unternehmen aufzureiben, dass sie schon gar nicht mehr wissen, was sie ohne Arbeit anfangen sollten.
Dieser hohe zeitliche Einsatz geht allerdings meistens nur eine gewisse Zeit lang gut. Dann verändert sich die persönliche Einstellung zu der eigenen Arbeit ganz unmerklich. Die anfängliche Begeisterung weicht einem Gefühl, dass es eben so sein muß. Ohne Fleiß kein Preis – heißt immerhin ein sehr bekanntes Sprichwort.
Neben der Begeisterung schwindet aber leider auch die Kreativität, die Spontanität und die Aufgeschlossenheit für neue Ideen. Auch die Intuition leidet. All dieses sind allerdings Eigenschaften, die einen erfolgreichen Unternehmer auszeichnen. Und wenn diese Eigenschaften in Mitleidenschaft gezogen werden, dann leidet über kurz oder lang auch der Unternehmenserfolg.
Die meisten Menschen glauben, dass Freizeit die Belohnung für harte Arbeit sei. Dan Sullivan und Chris Barrow sehen das anders. Für sie sind arbeitsfreie Tage die absolut notwendige Vorausetzung um erfolgreich und produktiv zu sein. Arbeitsfreie Tage dienen der Erfrischung und Auffrischung, dem Auftanken neuer Energie. Arbeitsfreie Tage erlauben uns, unserem Leben eine Perspektive zu geben, sie verschaffen uns neuen Schwung und fördern unsere Kreativität. Und genau das sind die Eigenschaften, die unserem Unternehmen am meisten zu Gute kommen.
Unternehmer unterscheiden sich in einigen Dingen von anderen Menschen. Statt immer die gleichen, voraussehbaren Arbeiten zu verrichten, beruht ihr Erfolg auf dem Erkennen von Chancen, dem Steigern der Produktivität und dem Einsatz ihrer Kreativität.
Bevor der typische Unternehmer sich dazu durchringen kann, tatsächlich einen arbeitsfreien Tag pro Woche einzuführen, muss er ein paar tiefsitzende Glaubensätze überwinden, wie z.B.:
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Der Sinn des Lebens ist zu arbeiten
Dieser Glaubenssatz führt dazu, dass nur die Zeit wertvoll ist, die man mit Arbeit verbringt. -
Erholungsphasen kann man sich nur dann erlauben, wenn man total erschöpft ist
Wohin dieser Glaubensssatz führen kann, liegt wohl auf der Hand. Trotzdem finden wir diese Einstellung erstaunlich häufig. -
Freizeit muss man sich hart erarbeiten
Diese Rechtfertigungseinstellung, nach der Freizeit vorher durch harte Arbeit erst verdient werden muss, ist gerade für Unternehmer ziemlich verführerisch. Auf der anderen Seite erleben wohl alle Menschen, die für eine langen Zeitraum ohne Pause arbeiten, dass ihre Leistungen schwinden und sie immer öfter erschöpft sind.
Zusätzlich zu diesen Glaubenssätzen kann es drei typische Widerstände gegen die Einführung eines arbeitsfreien Tages geben:
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Angst
Schon die Vorstellung, die Praxis ohne die Anwesenheit des Chefs laufen zu lassen, ruft Schweißausbrüche hervor. Obwohl es zunächst wie eine Katastrophe aussieht, wenn der Unternehmer nicht vor Ort ist, berichten diejenigen, die diesen Vorschlag in die Tag umgesetzt haben, dass es einen erstaunlichen Effekt in der Praxis hat. Die Mitarbeiter sind gezwungen selbständiger zu arbeiten. Sie machen vielleicht anfangs den einen oder anderen Fehler, aber sie lernen daraus und werden immer besser – und selbstbewusster. Statt sich über die Fehler zu ärgern, könnte man diese auch als Anregungen nutzen, den gesamten Prozess immer weiter zu optimieren. -
Schuldgefühle
Viele Menschen sehen harte Arbeit als eine hohe Tugend an. Seine Zeit mit etwas zu verbringen, was nicht in einen direkten Nutzen umgewandelt werden kann, löst bei ihnen ein Schuldgefühl aus. Manche Unternehmer scheuen sich auch, ihre Mitarbeiter allein arbeiten zu lassen, während sie ihre Freizeit genießen.
Sie vergessen dabei allerdings, dass sie mit der Gründung ihres Unternehmens erhebliche Risiken eingegangen sind, denen dafür aber auch erhebliche Freiheiten gegenüberstehen. -
Ratlosigkeit
Einige Unternehmer wissen nichts mit sich anzufangen, wenn sie nicht arbeiten können. Sie haben ihre Identität so sehr mit Ihrem Beruf verknüpft, dass sie es nach Möglichkeit vermeiden, überhaupt Freizeit zu haben.
Sie vergessen dabei, dass auch sie nicht nur ein Recht auf Freizeit haben, sondern dass eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit eine entscheidende Voraussetzung für die persönliche Produktivität und Lebensfreude ist.
Wie schafft man es jetzt, zu diesem arbeitsfreien Tag pro Woche zu gelangen?
Das Beste ist es, wenn man sich dafür tatsächlich einen ganzen Tag von allem frei macht, was mit Arbeit zu tun hat. Also keine E-mails, keine Anrufe auf das Handy, keine noch so kurzen Anrufe im Unternehmen. Einfach komplett abschalten.
Dieses einzuführen wird für die meisten gar nicht so leicht sein. Die alten Gewohnheiten sind zu stark verankert. Aus diesem Grunde hat es sich bewährt, die freien Tage möglichst früh in den Kalender einzutragen. Und dann dafür zu sorgen, dass sie allen Beteiligten bekannt sind und auch eingehalten werden.
Sie können ja langsam anfangen. Zunächst vielleicht nur einen arbeitsfreien Tag pro Monat. Dann nach zwei, drei Monaten die Steigerung auf einen arbeitsfreien Tag alle zwei Wochen, bis Sie es dann nach vielleicht einem halben Jahr geschafft haben, und tatsächlich jeden Woche einen arbeitsfreien Tag nehmen können.
Viele der Klienten von Chris Barrow und Dan Sullivan berichten, dass sie bei aller anfänglichen Skepsis im Laufe der Zeit immer produktiver wurden. Sie haben in der verbleibenden Zeit sich stärker konzentrieren können und wesentlich mehr geschafft. Sie haben es tatsächlich geschafft, mehr Gewinn durch weniger gearbeitete Stunden zu erreichen.
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Heide Liebmann
1779 Tage ago
Das finde ich ein sehr spannendes Experiment. Ich schaffe es immerhin, mir zwischendurch immer mal wieder mehrstündige Auszeiten zu erlauben und bemerke die positiven Effekte. Aber gleich einen ganzen Tag?!? Wäre mal einen Versuch wert. In der Zwischenzeit gibt es ja auch noch andere Möglichkeiten, es sich ein bisschen gut gehen zu lassen… (http://www.heide-liebmann.de/blog/?p=57)